VIRTUELLE KANTOREIPROBE

VIRTUELLE KANTOREIPROBE

„Der Mai ist gekommen!“ mit Tono Wissing! – Statt der üblichen Kantoreipause von 7 Minuten gibt es in Coronazeiten Klavierbegleitung von Tono Wissing für die Kantorei: zwischen Alt-, Sopran- und Tenor-, Bassprobe. Daran könnten sich alle Sängerinnen und Sänger gewöhnen.

Die nicht mehr ganz so Jungen von uns erinnert das sicher noch an die Sendepausen, damals, als es nur drei Programme im Deutschen Fernsehen gab. In jedem Fall entschleunigend und Gutes bleibt ja bekanntlich…

Aber nun zur virtuellen Chorprobe der Kantorei:

Sopran- und Altprobe

Videokonferenzen machen es möglich: wir dürfen uns zurzeit nicht zum gemeinsamen Proben im Gemeindesaal aber durchaus virtuell treffen.

Wie muss man sich das vorstellen, wie mag das gehen? Das haben wir uns auch gefragt. Aber es geht ganz leicht. Wir haben den ganzen großen Chor nach Stimmgruppen aufgeteilt. Ich kann hier nur aus der Alt-und-Sopran-Probe berichten.

Netterweise hat Karin (Freist-Wissing) uns eine 15minütige „Eintrudelphase“ geschenkt, in der wir quatschen und winken dürfen. Dabei können wir beobachten, wie große Mitbewohner mit der Technik helfen und kleine Mitbewohner auf dem Schoß herumkrabbeln und später ins Bett gewinkt werden. Irgendwann sind dann so viele da, dass wir nicht mehr alle auf einen Bildschirm passen. Dann kann man sich mal in den nächsten Bildausschnitt klicken. Toll ist, dass man mit viel mehr Menschen sprechen kann als in der analogen Probe, da sitze ich ja selten neben einem Alt.

Nach der „Eintrudelphase“ geht es dann ans Üben. Da die Daten-Übertragung zu unterschiedlich ist, können wir nicht wirklich zusammen singen, sondern schalten alle unsere Mikros stumm – meistens klappt das. Dann hören wir alle nur noch Karin und jede sich selbst. Für Karin ist das gewöhnungsbedürftig, sie sagte, sie käme sich vor wie Beethoven, sieht uns singen, aber hört uns nicht.

Nun gibt Karin uns Seiten- und Taktzahl an und wer singen soll. Wir üben erst stimmenweise und dann zusammen, mal spielt Karin die zu singenden Töne, mal die der jeweils anderen Stimme, mal die Harmonien. Das hängt vom Schwierigkeitsgrad der Passage ab. Wir können uns einschalten, wenn wir etwas noch nicht hinbekommen haben oder es einfach nochmal hören oder singen wollen.

Da wir Frauenstimmen bislang immer angefangen haben, kommen irgendwann die ersten Männer in die Probe – unsere letzten Takte sind ihre „Eintrudelphase“. Einige singen gerne schon mit. Aber statt mit den Männern zu plaudern, singen wir noch etwas „zusammen“. Dazu legt Karin eine CD ein oder holt Teile ihrer Familie als Live-Orchester dazu und wir singen – mit ausgeschalteten Mikros.

So eine Probe ist ganz lustig, aber da ich nur meine eigene Sing-Stimme höre, nicht mit einer analogen Probe zu vergleichen.

von Anke Gresbrand

Tenor- und Bassprobe

Fazit nach der zweiten Online-Video-Probe der Männer: Es ist unglaublich, aber es geht.

Wir treffen uns am Bildschirm, man freut sich, die bekannten und befreundete Gesichter wiederzusehen, wenn auch nur auf einem winzigen Bildschirmausschnitt. Dafür aber im interessanten privaten Ambiente: Manch einer räkelt sich bequem auf dem Sofa, ein andere singt offenbar im Keller, andere lassen im Hintergrund ein Arbeitszimmer unterm Dach erahnen, mancher hat ein Weinglas in der Hand, und schließlich singen einzelne Männer sogar mit virtuellem Hintergrund – die Golden-Gate-Bridge blinkt in der Sonne oder ein zauberhaftes Nordlicht weht über den Himmel. Nur zwei Tenöre haben gemogelt und sich für die Probe zum gemeinsamen Singen am Küchentisch verabredet. Na sowas!

Das Bild ruckelt zwar manchmal etwas, Karin friert sogar für Sekunden ein, denn nicht immer reicht die Bandbreite, aber letztlich geht es. Hurra: Wir sind digitale Native.

Wie die Frauen plaudern wir zunächst ein wenig, wie es im Homeoffice so geht, wer unter Einsamkeit und abgesagten Veranstaltungen leidet oder – auch das gibt’s –­ in der Krise besonders viel zu tun hat. Mancher arbeitet weiter wie bisher, mancher ist in Kurzarbeit oder werkelt im Homeoffice vor sich hin.

Dann aber geht es los: Karin gibt die Taktzahl vor, dirigiert die Einsätze und haut in die Tasten ihres heimischen Klaviers. Es ist fast so wie in einer Einzelprobe, nur dass Karin niemanden hört – zumindest nachdem alle brav ihre Mikrophone ausgeschaltet haben.

Aber Karin kennt uns gut genug, um auch so unsere Schwachstellen zu wissen: „Takt 38 im Tenor, das war nichts, das müssen wir nochmal machen!“ Als wenn sie uns gehört und beim Falschsingen erwischt hätte: „Jetzt klappt es doch schon ganz gut“, konstatiert sie dann zufrieden und lässt den Bass den nächsten Abschnitt erst einmal alleine singen. „Bitte Takt 72 nochmal. Das ist ja ist auch wirklich schwierig.“ Hat sie etwa doch was gehört?

Schließlich soll doch mal jemand mit angeschaltetem Mikrophon vorsingen, und da melden sich immerhin die beiden Tenöre freiwillig, die „regelwidrig“ gemeinsam proben. Karin erträgt den Zeitverzug zwischen ihrem Klavierspiel und unserer Singerei, und stellt dann fest, dass da schon richtige Töne dabei waren.

Was bei der Online-Probe eindeutig positiv zu vermerken ist: Karin muss während der ganzen Probe kein einziges Mal um Ruhe bitten! Sonst kommt doch häufig ihr Lamento „Nun redet doch mal nicht sofort los, wenn ich abwinke, da ist doch die ganze Spannung wieder weg. Das ist soooo anstrengend!“ Heute gibt es keinerlei Disziplinprobleme. Vorbildlich. So sollte es immer sein. Diese Stummschalten des Chores müsste man auch in reguläre Proben übernehmen müsste. Vielleicht als Handy-App?  So etwas sollte mal einer erfinden!

von Dirk Reder

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Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Steffi Watin

    sehr schön beschrieben!

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